Gelesen: Hans-Peter Raddatz, Von Gott zu Allah?
oder: Wie man ein Wahnsystem konstruiert
Ich habe in diesem Netztagebuch bisher mit Hingabe auf die politische Linke eingedroschen, und man tut mir nicht Unrecht, wenn man mir einen konservativen Standpunkt unterstellt. Das heißt aber keineswegs, dass ich die konservative Rechte gleichsam als meine politische Familie ansähe - als “Nest”, das man nicht “beschmutzen” dürfe, womöglich weil das “dem Gegner nützt”. Ich halte sehr viel sowohl vom Christentum als auch vom Patriotismus; das heißt aber noch lange nicht, dass ich bereit wäre, totalitäres Denken zu tolerieren, nur weil es sich auf christliche oder patriotische Werte beruft.
Ich halte es für erstrebenswert, in einem Land zu leben, wo ich es mit friedfertigen Mitbürgern zu tun habe; wo ich sagen kann, was ich für richtig halte, ohne mit der Gestapo, der GPU oder der Inquisition Bekanntschaft zu machen; wo ich zu meinem Recht komme, ohne jemanden bestechen zu müssen; wo ich lesen kann, was mich interessiert; wo ich meinen Marotten frönen kann, auch wenn sie vielleicht “sündhaft” sind; wo meine Frau sich nicht vermummen muss; das von nicht überragenden, aber vernünftigen Leuten regiert wird, die mich nicht für utopische Experimente einspannen; wo man die Regierung friedlich mit dem Stimmzettel stürzen kann; und auf das man ohne billigen Hurrapatriotismus stolz sein kann.
Zufällig lebe ich tatsächlich in einem solchen Land und habe ein eminentes Interesse daran, dass dieser erfreuliche Zustand aufrechterhalten bleibt. Mein Feind ist, wer das alles angreift.
Dabei ist es mir vollkommen gleichgültig, ob solche Angriffe von links oder von rechts kommen, von oben oder unten, von Linksradikalen oder Neonazis, von islamischen oder christlichen Fundamentalisten, von Mafiosi oder Scientologen.
Unter den totalitären politischen Ideologien halte ich im Zweifel die rechten für gefährlicher als die linken. Die extremen Linken machen sich selber das Leben schwer, indem sie Dinge versprechen, vor denen sich Jeder mit Grausen wendet, der etwas zu verlieren hat: Weltrevolution, Tabula Rasa, der Neue Mensch - und der Normalbürger denkt: Alles, nur das nicht!
Die extremen Rechten sind gefährlicher, weil sie es auf genau diesen Normalbürger abgesehen haben. Die muten niemandem zu, ein “Neuer Mensch” zu werden, sie greifen einfach das auf, was sie an Ressentiments, Vorurteilen, Werten, Wunschträumen, Mythen und Ideologiefetzen in der Gesellschaft vorfinden, erklären es zu den “wahren Werten” des jeweiligen Gemeinwesens, erfinden einen Feind, der diese Werte angeblich angreift, stilisieren sich zu den besseren Konservativen, weil sie konsequent diesen “Feind” bekämpfen, und propagieren eine Ideologie, in die das alles hineinpasst, und die vor allem jeden Andersdenkenden als Agenten des Feindes abstempelt. Das war vor siebzig Jahren das Erfolgsrezept der Nazis und ist heute das der Islamisten. Verführerisch sind solche Ideologien, weil ihre einzelnen Bestandteile populär sind, und weil der Normalbürger nicht unbedingt durchschaut, wohin es führt, wenn sie zu einem ideologischen System zusammengebunden werden. Verführerisch sind sie auch deswegen, weil sie paranoid und daher einfach sind: Sie führen jeden missliebigen Sachverhalt auf Machenschaften des angeblichen Feindes zurück; jedes Gegenargument ist dann Bestandteil von dessen Ideologie und damit ungültig. Es handelt sich um totalitäre Wahnsysteme.
Woran erkennt man ein solches Wahnsystem?
Wenn es darum geht, ob eine Ideologie rechtsextrem ist oder nicht, werden die meisten Menschen auf bestimmte Inhalte achten: auf Rassismus zum Beispiel oder Antisemitismus. Ein solches Vorgehen kann aber zu Fehlschlüssen führen, weil rechtsextreme Ideologien sehr flexibel darin sind, Denkfiguren aus fremden Kontexten in ihr Gedankensystem einzubauen: Die Nazis etwa haben hemmungslos christliches und sozialistisches Gedankengut zweckentfremdet, und die Islamisten bedienen sich ungeniert im Ideenarsenal der antiimperialistischen westlichen Linken.
Außerdem ist z.B. Rassismus nicht zwangsläufig Bestandteil jeder rechtsextremen Ideologie, und mir scheint, dass Viele sich deshalb schwertun, den Islamismus als rechtsextrem zu durchschauen, weil er nicht rassistisch ist, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne (und weil sie den islamistischen Antisemitismus herunterspielen).
Ein rechtsextremes Ideensystem erkennt man primär nicht an seinen Inhalten, sondern an seiner Struktur. Womit ich beim Thema bin.
Hans-Peter Raddatz hat mit “Von Gott zu Allah? Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft” (1. Aufl. Mai 2001, 3. überarb. Aufl. München 2005, nach der im Folgenden zitiert wird) ein Werk vorgelegt, in dem er eine geradezu idealtypisch rechtsextreme Ideologie entwickelt. Dabei argumentiert er weder antisemitisch noch rassistisch (auch nicht gegenüber Muslimen). Sein Standpunkt ist vielmehr der des christlichen (genauer: katholischen) Fundamentalismus, und ich werde zeigen, dass man ein Wahnsystem von diesem Ausgangspunkt ebensogut entwickeln kann wie von einem rassistischen. Was Raddatz vorträgt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Generalangriff auf die Grundlagen der liberalen Demokratie, und…
was mich veranlasst hat, diese Rezension zu schreiben
… ist die mich zutiefst verstörende Beobachtung, dass das niemand zu bemerken scheint. Raddatz hat zwar viele Kritiker, aber die konzentrieren sich auf bestimmte inhaltliche Einzelaspekte, indem sie etwa seine Kritik am Islam oder der katholischen Kirche zurückweisen. Ich habe keinen einzigen gefunden, dem aufgefallen wäre, dass hier die Grundlagen der offenen Gesellschaft attackiert werden, und dieser Umstand beunruhigt mich weitaus mehr als die Attacke selbst. (Wieviel Selbstbehauptungswillen kann eine Demokratie eigentlich haben, deren Intellektuelle ein totalitäres Denksystem nicht als solches durchschauen?) Ich musste außerdem - anlässlich einer Diskussion in Lilas Blog (ab Kommentar Nr.72) feststellen, dass es durchaus intelligente Menschen gibt, die von Raddatz’ noch darzustellender Paranoia bereits angesteckt sind und jede grundsätzliche Kritik an seiner Position als “politisch korrektes” linkes Schubladendenken missverstehen - sicherlich auch eine Folge der Tatsache, dass Rechtsextremismus traditionell nur dann als solcher erkannt wird, wenn er in der klassischen nationalsozialistischen oder der neueren islamistischen Version daherkommt.
Ich werde der Versuchung widerstehen, den Autor lächerlich zu machen, obwohl er einem (Weltverschwörung der Freimaurer, höhö!) manche Steilvorlage liefert. Erstens hätte er das nicht verdient - seine Argumentation ist paranoid, aber nicht dumm -, und zweitens geht es mir darum, die Anatomie eines Wahnsystems zu sezieren, und dazu bedarf es des Skalpells, nicht der Axt.
Zunächst aber werde ich, schon der Fairness wegen, hervorheben…
wo Raddatz Recht hat:
Wer den Islam verstehen will, muss sich vor allem bewusst sein, wie stark die Erfahrungen der formativen Periode seiner Geschichte, also der Zeit vom 7.-9. Jahrhundert bis heute den Charakter des “islamischen Systems” prägen, das eben nicht einfach eine Religion in unserem Verständnis des Wortes ist (die man in die Unverbindlichkeit des Privaten abschieben könnte), sondern eine allumfassende, dem Anspruch nach gottgewollte, Lebensordnung ist, in der Religion, Politik, Recht, Kultur und Sitte untrennbar miteinander verwoben sind. Die “Umma”, also die islamische Gemeinschaft war von Anfang an ebenso eine Kampf- wie eine Glaubensgemeinschaft. Der Koran wurde vom Propheten Mohammed - natürlich stets unter Berufung auf göttliche Offenbarung - in steter Auseinandersetzung mit den jeweils aktuellen politischen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten und ihrem Bezug zu seinen theologischen Positionen Stück für Stück fortgeschrieben - daraus erklärt sich der eigentümlich kämpferische Grundzug der koranischen Überlieferung.
Nach dem Tode des Propheten wurde diese Überlieferung zunächst textlich, dann durch Verfestigung allseits akzeptierter Auslegungstraditionen vereinheitlicht und zusammen mit der Überlieferung vieler Episoden aus dem Leben des Propheten (dem Hadith) zu einem System verwoben, das buchstäblich jeden Bereich des menschlichen Lebens regelte und sich zugleich durch die unmittelbare Berufung auf den Willen Gottes gegen jede Kritik immunisierte. Die Ur-Umma von Medina galt dabei fortan als ideale Verwirklichung des Islam und avancierte als solche zur alternativlosen Grund-Utopie des islamischen politischen Denkens.
Da der islamische Rationalismus des Mittelalters (Al-Farabi, Ibn Sina, Ibn Ruschd etc.) die ideologische Geschlossenheit des Systems gefährdete, wurde er gewaltsam ausgemerzt. Der orthodoxe Islam wurde so zu einem, wie wir heute sagen würden, totalitären System, das auf intellektuelle Herausforderungen und Anfechtungen nicht anders reagieren konnte als mit affirmativer ideologischer Verhärtung und, soweit möglich, mit Gewalt. Hierbei stellte das sakrosankte Medina-Ideal (der Islam als Kampfgemeinschaft, die Djihad im militärischen Sinne des Wortes betreibt!) ein Modell bereit, das jederzeit aktiviert werden konnte und kann.
Der moderne islamische Fundamentalismus ist insofern keine Abweichung vom “eigentlichen ” Islam, sondern die konsequente Verwirklichung seiner Grunddisposition im Umgang mit Herausforderungen, heute also der westlichen Dominanz:
“Der Begriff eines vom ‘eigentlichen Islam’ abweichenden Fundamentalismus suggeriert die Vorstellung, dass es sich bei letzterem um eine Art Sonderentwicklung handelt, die nicht stellvertretend für den ‘eigentlichen Islam’ ist, wobei unklar bleibt, worin dieser nun letztlich bestehen soll. Die in diesem Zusammenhang ebenso oft beschworene Idee des friedlichen Charakters der privaten Glaubensausübung negiert ihren kollektiven Kontext…
Schon die Begrifflichkeit selbst verdankt sich eher dem modern-christlichen Denken, das den Kampf der Kirche gegen Modernismus und liberale Bibelkritik als ‘Fundamentalismus’ bezeichnete und auf die islamische Reaktion übertrug. …
Je näher westlicher Technikstandard und Materialismus auf die islamischen Gesellschaften zurückten, desto klarer traten die Konturen der traditionellen Islamidentität hervor und erzeugten in westlichen Augen die Illusion eines losgelösten ‘Fundamentalismus’. Dieser stellt indes nichts anderes dar als die konservative Bewahrung eines tausendjährigen Glaubenskerns und Vergangenheitsideals.” (S.262f.)
Jeder “Dialog der Kulturen”, der diesen Sachverhalt ausblendet, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, und der westliche Hang zur Selbstkritik wird von Muslimen lediglich als Zeichen der Schwäche des Westens und als Bestätigung der “Wahrheit” des Islam aufgefasst, nicht etwa als Ermutigung zu eigener Selbstkritik.
Das Selbstbild des Islam und der von ihm geprägten Kultur lässt eine friedliche Koexistenz mit anderen Kulturen als positive Vision nicht zu, sondern geht von der normativen Vorstellung der eigenen Dominanz als eines gottgewollten Zustandes aus. Wenn Raddatz hierin Recht hat, gilt für die Muslime, was Churchill einmal über die Deutschen sage: Dass man sie entweder zu Füßen oder an der Kehle habe.
Raddatz’ Thesen zum Islam sind schlüssig entwickelt und empirisch kenntnis- und detailreich untermauert, ohne dass der Autor sich dabei verzetteln würde; sie sind - im Gegensatz zum Rest seines Werkes - auch leserfreundlich formuliert. Man merkt, dass hier der Orientalist Raddatz, der lange Jahre im Nahen Osten gelebt hat, in seinem Element ist, und ich sehe keinerlei Anlass, seinen Thesen zu widersprechen; dies umso weniger, als auch die Fachkritik nicht etwa mit einer überlegenen Theorie aufwartet, sondern im Grunde mit der Platitüde, dass das alles ja sooo einfach nun auch wieder nicht sei - ein Passepartout, den man gegen jede Theorie von einer gewissen Abstraktionsebene aufwärts ins Feld führen kann, der aber für sich genommen nichts erhellt. Von islamischer Seite wiederum wurden seine Thesen nicht etwa mit schlagkräftigen Argumenten gekontert, sondern mit einem als “Gebet” getarnten Mordaufruf im Internet, also mit der denkbar stärksten Bestätigung, dass er Recht hat. Soweit er über den Islam schreibt.
Die Konstruktion des Wahnsystems
Hätte er es doch nur dabei belassen!
Hat er aber nicht. Sein Ehrgeiz erschöpft sich nicht darin, eine empirisch gut untermauerte Studie der islamischen Kultur und Mentalität zu verfassen. Er will auch nicht als politischer Pamphletist eine knallige 200-Seiten-Streitschrift gegen die Illusionen des Dialogchristentums und des linken Gutmenschentums verfassen, vielleicht nach Art von Henrik M. Broder nach dem Motto: Lieber zweimal ungerecht als einmal langweilig; hätte er das getan, so hätte er bestimmt vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen, auch mir.
Nein, er will als Wissenschaftler das Große Ganze in den Blick nehmen und entwickelt eine Theorie, die nicht nur die gesamte Entwicklung der christlichen bzw. westlichen Zivilisation unter einem einzigen Gesichtspunkt - dem des Glaubensverfalls - betrachtet, was ja vielleicht vertretbar wäre, sondern die darauf abzielt, die gesamte Entwicklung von diesem einen Punkt aus kausal zu erklären.
Solche monokausalen Erklärungen sind stets hochgradig ideologieverdächtig - man denke nur an das Marxsche Theorem, alle Geschichte sei eine Geschichte von Klassenkämpfen -, weil sie konkurrierende oder auch nur ergänzende Ansätze systematisch ausblenden. Bei Raddatz kommt noch hinzu… aber ich greife vor. Der Reihe nach also:
Der Beginn des Glaubensverfalls
Vom 11. Jahrhundert an, so Raddatz, kam es im christlichen Europa zu einem allmählichen sozialen Wandel, der die bis dahin selbstverständliche Einbettung des mittelalterlichen Menschen in eine festgefügte, das Leben dauerhaft und ganzheitlich umfassende Ordnung zunehmend in Frage stellte, die Kirche mit ganz neuen Formen der Kritik konfrontierte und eine Blütezeit der rationalen (scholastischen) Theologie herbeiführte; die harmonische Verschränkung von Glaube und Vernunft, die nach Raddatz’ Auffassung von Beginn an das Wesen des Christentums ausgemacht hatte, entfaltete sich - nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung der antiken Philosophie - und erreichte in der Theologie des Thomas von Aquin einen Höhepunkt.
Gleichzeitig aber wurden die Menschen kritischer gegenüber der Habgier und dem Machtmissbrauch des Klerus. Immer mehr verloren den Glauben an diese Kirche und schlossen sich ketzerischen Bewegungen an, z.B. den Waldensern und Katharern. Die Kirche reagierte darauf mit einer Doppelstrategie: Zum einen würdigte sie das Ideal der Armut, das ihr kritisch entgegengehalten wurde, und institutionalisierte es quasi in Gestalt des Franziskaner- und des Dominikanerordens; zum anderen baute sie die Inquisition zu einer, wie wir heute sagen würden, totalitären Gedankenpolizei aus, die die gesamte Christenheit in Angst und Schrecken versetzte.
Diese Strategie scheiterte daran, dass der Klerus an der Ursache der Ketzerei nichts änderte: nämlich an seinem eigenen krassen Missbrauch geistlicher Macht. Für den Klerus war die Bewahrung des Glaubens, seine Vertiefung und Verbreitung (eigentlich sein Daseinszweck) bloß ein Mittel, die Gläubigen zu entmündigen, zu beherrschen und auszuplündern. Die Inquisition konnte unter diesen Umständen die Ketzerei nicht ausrotten, im Gegenteil: Der Hass, den sie auf sich zog, trieb den häretischen Sekten immer neue Anhänger zu, wodurch die inquisitorische Repression sich wiederum verschärfte, was wiederum der Ketzerei Auftrieb gab - und so immer weiter in einem Teufelskreis, an dessen Ende folgerichtig die Reformation stand.
Diese Analyse ist an sich nicht falsch; sie krankt nur daran, dass Raddatz den klerikalen Machtmissbrauch - der als solcher ganz unbestreitbar ist - für die Letztursache dieser Entwicklung hält. Als ob es nicht auf der Hand läge, dass eine Institution, die die gesamte geistliche und einen erheblichen Teil der weltlichen Macht in Händen hält, dazu keiner demokratischen Kontrolle von unten, keiner rechtlichen Kontrolle von oben und keinem Konkurrenzzwang von außen unterworfen ist, ihre Macht geradezu missbrauchen muss!
Raddatz sieht diesen Sachverhalt zwar, misst ihm aber keine Bedeutung bei - was man spätestens daran erkennt, dass er die Reformation in Bausch und Bogen verdammt. Er gesteht ihr nicht einmal das Verdienst zu, die katholische Kirche zu einer Selbstreinigung gezwungen zu haben - nein, die Reformation hat die Einheit der Christenheit unwiederbringlich zerstört. Mehr noch: Ihr individualistisches Glaubensverständnis hat in letzter Konsequenz das Christentum selbst zerstört, weil sie die objektive Wahrheit des christlichen Glaubens zur Sache einer individuellen Glaubensentscheidung gemacht hat, zuerst für die Protestanten selbst, dann auch für die Katholiken. So Raddatz.
An diesem Punkt muss man erst einmal tief durchatmen und sich vergegenwärtigen, welche Position Raddatz hier entwickelt - und was diese Position alles impliziert:
Für Raddatz sind die christlichen Basisdogmen nicht nur objektive, sondern auch selbstverständliche und offensichtliche Wahrheiten: Dass Gott die Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist sei, dass er sich in Chritus offenbart und durch seinen Kreuzestod die Menschen erlöst habe. Weil es sich um objektive und offensichtliche Wahrheiten handelt, und weil die Vernunft denselben Ursprung hat wie der Glaube - nämlich die Gnade Gottes - kann es keine Vernunft geben, der diese Wahrheit nicht zugrundeliegt. Vielmehr muss eine scheinbare “Vernunft”, die nicht auf der Basis der christlichen Botschaft steht, zwangsläufig in Paradoxie und Unvernunft münden. Die christlichen Glaubenswahrheiten sind für Raddatz nicht etwa ein normativer Maßstab, anhand deren er die historische Entwicklung beurteilt, sondern sie sind empirische Gegebenheiten, anhand deren er diese Entwicklung kausal erklärt.
Für Raddatz ist die Kirche die Verkörperung dieser Wahrheiten - nicht die real existierende Kirche, sondern die “Kirche Jesu Christi”, eine metaphysische Abstraktion, der sich die reale Kirche gefälligst anzupassen hat. Wenn die reale Kirche dies nicht tut, so kann dies keinesfalls an dem schnöden soziologischen Sachverhalt liegen, dass sie das in ihrer Machtvollkommenheit einfach nicht nötig hat; da könnte man ja durch Strukturveränderungen Abhilfe schaffen, aber solche Strukturveränderungen wären ja häretisch: Kontrolle würde die “objektive Wahrheit” zur Disposition des Kirchenvolkes oder des Gesetzgebers stellen, Konkurrenz aber, wie in Form des Protestantismus, wäre institutionalisierte Häresie. Nein, wenn die metaphysische und die reale Kirche nicht deckungsgleich sind, so kann dies nur an der “Glaubensferne” des Klerus liegen, es kann - und darf - nur Verrat und böser Wille sein.
Ich habe das alles deswegen so ausführlich dargestellt, weil dies das Schema sein wird, nach dem Raddatz die gesamte Geschichte des Abendlandes interpretiert; und ich werde zeigen, dass seine religiösen Prämissen und der daraus resultierende Verzicht auf soziologische Analyse ihn zu immer wahnwitzigeren Ideologiekonstruktionen zwingt.
Und das kann auch gar nicht anders sein:
Seine Prämisse, wonach christlicher Glaube und Vernunft einander naturgemäß bedingten, ist nämlich ganz einfach - falsch, und zwar ganz unabhängig davon, woran man jeweils selbst glaubt. In dem Moment nämlich, wo der Glaube zum Gegenstand rationaler Erörterung wird, wie dies in der Scholastik der Fall war, wird er implizit bezweifelt. Jede These enthält unvermeidlich die Kritik an ihrer Antithese, und wenn die Antithese bis dahin als Gedanke gar nicht existierte (also durch Ignorieren passiv verneint wurde), so existiert sie spätestens in dem Moment, wo sie durch die These aktiv bestritten wird. So bringt jede These ihre eigene Antithese hervor. Der Gedanke etwa, dass Gott womöglich gar nicht existiere, konnte erst gedacht werden, nachdem Thomas von Aquin rational begründet hatte, dass er existieren müsse; davor war er buchstäblich un-denkbar; der Gottesbeweis erst hat den Atheismus hervorgebracht, wenn auch zunächst nur als geistige Option.
Solange die christlichen Glaubenswahrheiten von jedermann geteilt werden - und nur so lange! -, findet der Einzelne sie als objektive Gegebenheiten vor - etwa so, wie er das Wetter vorfindet. Existiert aber eine zweite Glaubensoption, so zwingt die schiere Existenz zweier Optionen den Einzelnen zu einer Entscheidung. Genau diese Situation war allerspätestens mit dem Aufkommen des Protestantismus gegeben - und wäre es auch dann gewesen, wenn die protestantische Theologie nicht das individuelle Gewissen in den Vordergrund gerückt, sondern sich ihrerseits als absolute und objektive Wahrheit präsentiert hätte. Natürlich steht es Jedem frei, die katholischen Dogmen weiterhin für “objektive” Wahrheiten zu halten; er muss dann nur mit der Paradoxie leben, dass sie nur deshalb “objektiv” gelten können, weil er selbst sich subjektiv für ihre Gültigkeit entschieden hat.
Die islamische Orthodoxie, die die rationale Philosophie mit dem Argument ausrottete, wer logisch argumentiere, sei bereits ein Häretiker, hatte so gesehen durchaus Recht. Und wenn Raddatz der mittelalterlichen Kirche vorwirft, sie habe die Ketzerei nur um ihrer Pfründe willen unterdrückt, nicht aber um des Glaubens willen, so verfehlt er den entscheidenden Punkt: nämlich dass die Kirche eine Wahrheit verteidigte, die nur so lange absolute Geltung beanspruchen konnte, wie sie von niemandem angezweifelt wurde; wurde sie aber angezweifelt, so blieb der Kirche gar keine Wahl, als den Zweifel buchstäblich auszurotten - mitsamt denen, die ihn vortrugen.
Aufklärung und Wissenschaft
Die Aufklärung ist für Raddatz der große Sündenfall: Vorbereitet durch den protestantischen Individualismus und durch den Glaubwürdigkeits- und Ansehensverlust der katholischen Kirche habe sich in der Aufklärung endgültig die Vernunft von ihrer Wurzel, nämlich dem christlichen Glauben, getrennt, und sich zum Vehikel der Selbsterlösung des Menschen gemacht. Der Mensch sei sich selbst zum Gott geworden, der den wirklichen Gott allenfalls noch als deistische Abstraktion duldete, und auch als solche nur, solange er ihn als Hypothese nötig zu haben glaubte. Sozialer Träger der Aufklärung sei die Freimaurerei gewesen. In ihr habe sich die neue Elitie formiert, deren Ziel die Zerstörung aller Traditionen und gewachsenen Strukturen und die Errichtung der eigenen “Neuen Weltordnung” auf der Basis der “Ideologie von Freiheit, Gleichheit und Toleranz” gewesen sei.
Bevor ich mit der Darstellung fortfahre, benutze ich die Gelegenheit, auf Raddatz’ höchst spezielles Verhältnis zur Toleranz einzugehen. Es ist nämlich eine Sache, eine “Toleranz” anzuprangern, die auch die Intoleranz (im Zweifel also ihre eigene Abschaffung) toleriert, und eine ganz andere, die Toleranz als solche abzulehnen. Hier ist sie uns schon als Teil einer “Ideologie” begegnet. An Dutzenden von weiteren Stellen taucht sie als “repressive Toleranz”, “liberalistische Zwangstoleranz” usw., jedenfalls in durchweg abwertenden Formulierungen auf. Die einzigen Stellen, wo er der Toleranz etwas Positives abgewinnen kann, sind die, wo er ihr Fehlen im Islam beklagt, dem er inkonsequenterweise zum Vorwurf macht, nicht von (jener liberalistischen Zwangs-)Toleranz angekränkelt zu sein.
Dass Toleranz ein Wert an sich sein könnte, und dies von einem christlichen nicht weniger als von einem säkularen Standpunkt, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen, zumindest setzt er sich mit dieser Möglichkeit nicht auseinander. Für einen bibelfesten Christen ein erstaunlicher Standpunkt: Könnte Toleranz nicht doch die angemessene Haltung für die Anhänger einer Religion sein, deren Stifter dazu aufgerufen hat, nicht zu richten, auf dass man selbst nicht gerichtet werde? Nicht den Splitter im Auge des Bruders zu suchen, solange man den Balken im eigenen Auge trägt? Der mit Heiden und Huren getafelt und ausgerechnet einen Samariter, also einen Häretiker, zum Vorbild an Gottes- und Nächstenliebe erklärt hat?
Nicht für Raddatz. Und es ist wichtig, dies festzuhalten, weil hier die typische ideologische Konstruktion jeglichen religiösen Fundamentalismus erkennbar wird: Auf der einen Seite beruft man sich auf eine absolute Wahrheit, an der es nichts zu interpretieren gebe, auf der anderen Seite leistet man sich einen höchst selektiven Zugriff auf das überlieferte Glaubensgut, der schon daran als Interpretation zu erkennen ist, dass wesentliche Aspekte der Überlieferung ausgeblendet bleiben.
Weiter im Text: Da die Aufklärung den gewachsenen Strukturen und Traditionen der eigenen Kultur den Kampf angesagt habe, sei sie verantwortlich für die zunehmende Fremdorientierung des Westens, d.h. an seiner Ausrichtung an den Werten fremder Kulturen, speziell der islamischen.
Raddatz konkretisiert diese Kritik an drei Gegenständen: der Wissenschaft, der katholischen Kirche und der Politik.
Allgemein bescheinigt er der westlichen Gesellschaft fortschreitenden “Geistesverfall” - und bestimmt weiß er, dass er mit derlei kulturpessimistischen Phrasen genau den Ton trifft, auf den jeder pensionierte Studienrat abfährt. “Geistesverfall” - eine Platitüde, die seit den Tagen des Sokrates immer irgendwie richtig ist. Wo er sie - nun im Hinblick auf die Wissenschaft - analytisch zu untermauern versucht, macht er eine traurige Figur: Die Wissenschaft - ausgenommen vermutlich diejenige, die Raddatz selbst zu treiben beansprucht - sei die Ursache von “Erkenntnisverlust”, da sie durch fortschreitende Spezialisierung zwar technisch verwertbares Wissen produziere, dafür aber übergreifende Zusammenhänge aus dem Auge verliere. Sie sei daher auch nicht bereit zuzugeben, dass sie keinerlei Konzept habe, die kosmische und biologische Schöpfung zu erklären:
“Die ‘übernatürlichen’ Grade der Wahrscheinlichkeit bzw. Unwahrscheinlichkeit, die ihn selbst im Universum ermöglicht hatten, blieben im Denkraum der Moderne unbeachtet. Es erschien u.a. keiner Diskussion wert, wie es zur Überwindung des Wahrscheinlichkeitsgrades von 1:10^130 zur Erzeugung des Lebens gekommen war, während alle anderen Prozesse sich seit dem ‘Urknall’ mit Größenordnungen um 1:10^40 begnügt hatten. Welche Dimensionen der Unwahrscheinlichkeit das Bewusstsein und schließlich das Selbstbewusstsein erschlossen hatten, entzog sich einerseits ohnehin jeder Betrachtungsmöglichkeit, führte der Forschung indes überdeutlich vor Augen, dass ihre Umschreibung mit dem Hilfsbegriff ‘Zufall’ andererseits nur geeignet war, ihre Erkenntnisnot zu enthüllen.” (S.224)
Noch schlimmer trifft es die Sozial- und Geisteswissenschaften:
“Im Rahmen einer vorgegebenen Lehrmeinung entwickelte sich eine Art automatischer Tendenz zur selektiven Auswahl von Fakten und Experimenten, deren Aussagen einzig und allein der Bestätigung einer vorgegebenen ‘wissenschaftlichen’ Wahrnehmung dienten. In ein- und demselben Wissensbereich konnten und können daher zwei völlig konträre ‘Schulen’ entstehen, die kunstvolle Beweissysteme für ihre jeweilige Richtung entwickeln und sich in ihrem ideologischen Gesinnungsdruck nicht selten dem Erscheinungsbild religiöser Sekten oder totalitärer Parteien annähern. Während die exakten Naturwissenschaften auch bei gegensätzlichen Methoden immerhin im nachprüfbaren Bereich blieben, musste dieses Vorgehen der Entwicklung von ‘Wunschwissenschaften’ im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften zu kaum überbrückbaren Problemen führen.
Hier wurde etwa ab Mitte des 20. Jahrhunderts ‘Wissenschaft’ zunehmend ohne Bewertungskriterien wie Problemlösungskompetenz, theoretische Kohärenz und konsistente Beweiskraft betrieben. Das bekannte Poppersche Prinzip der Falsifikationsresistenz war somit außer Kraft gesetzt, d.h. es bestand immer weniger Interesse an Theorien mit möglichst stabilem Bestand gegen Widerlegung. Unter derartigen Umständen waren der Vielfalt politisch oder ideologisch motivierter bzw. auf bestimmte Interessen fixierter Denksysteme keine Grenzen gesetzt. Sie konnten sich nach den jeweils gewünschten theoretischen Prämissen, dem gesellschaftlich-kulturellen Kontext, den jeweiligen ‘Glaubensordnungen’ und/oder psychologischen Befindlichkeiten entfalten, ohne sich je einer sachlichen Überprüfung stellen zu müssen, …” (S. 218f.)
Ich habe jetzt einmal zwei Abschnitte wörtlich zitiert, um einen Eindruck von dem Stil zu vermitteln, in dem Raddatz über mehrere hundert Seiten hinweg seine apodiktischen Verdammungsurteile nicht nur über die Wissenschaft niederprasseln lässt. Mit etwaigen Gegenargumenten hält er sich nicht einmal auf, um sie zu widerlegen; er schreibt im Stil des Rechtshabers, der alles, was seinem Weltbild nicht entspricht, nicht etwa mit Argumenten kritisiert, sondern vom hohen Ross dessen verurteilt, der im Besitz der “absoluten” Wahrheit zu sein glaubt. Dass er dabei Andersdenkenden vorwirft, totalitäre bzw. ideologisch motivierte “fixierte Denksysteme” zu entwickeln, ist vor diesem Hintergrund eine Pointe der besonderen Art.
Dabei ist das, was er über die Wissenschaft schreibt, so populär seine Klischees auch sein mögen, einfach falsch:
Es trifft zu, dass die empirische Forschung ein immer größeres Maß an hochspezialisiertem Wissen sowohl voraussetzt als auch erzeugt, je tiefer sie in ihren jeweiligen Gegenstand eindringt. Wenn Raddatz daraus aber folgert, die Wissenschaft ignoriere übergreifende Zusammenhänge, so unterschlägt er, dass parallel zur Arbeit der empirischen Analyse auch die der theoretischen Synthese geleistet wird, bei der es gerade darum geht, übergreifende Zusammenhänge herauszuarbeiten, und dass diese beiden Ebenen permanent aufeinander einwirken.
Wenn er behauptet, die Wissenschaft erkläre die Entstehung des Lebens mit einem “Zufall” der Größenordnung 1:10^130, dann verschweigt er nicht nur, wo er diese Zahl eigentlich herhat, sondern wiederkäut ein Klischee der christlichen Darwinismuskritik, nämlich die Behauptung, der Darwinismus erkläre die Entstehung und Entwicklung des Lebens als “Zufall”. Diese Behauptung ist kein Irrtum. Sie ist eine Lüge. (Eine Lüge, die frommen Einfaltspinseln aufgetischt wird, und zwar von Leuten, die selbst alles andere als einfältig sind!). Die Entstehung komplexer Strukturen, also von Ordnung aus ungeordneten Anfangszuständen, ist ein Phänomen, dass wir in praktisch allen Bereichen der belebten und unbelebten Natur und auch in sozialen Systemen antreffen. Dass solche Selbstorganisation stattfindet, wird nirgendwo mit dem Zufall erkärt - eine solche “Erklärung” wäre ja in Tat keine -, sondern aus den Naturgesetzen abgeleitet.
Theorien der Selbstorganisation, die auf solchen Erkenntnissen basieren, existieren in der Physik, der Chemie, der Biologie, der Mathematik und der Soziologie. Wer nach übergreifenden Zusammenhängen sucht, wird dort bestens bedient.
Ganz besonders wortgewaltige Angriffe - ich habe oben ein Beispiel zitiert - widmet Raddatz den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ihnen wirft er vor, “das bekannte Poppersche Prinzip der Falsifikationsresistenz außer Kraft gesetzt” zu haben und damit gar keine Wissenschaft zu sein. Da die Poppersche Wissenschaftstheorie, zumindest im Prinzip, allseits akzeptiert ist, wäre dies in der Tat ein vernichtender Vorwurf. Wenn er denn zuträfe.
Was sagt Karl Popper überhaupt? Kurz gesagt dies: Die Wissenschaft kann ihre Erkenntnisse niemals beweisen, weil sie nicht ausschließen kann, dass Ereignisse eintreten, durch die ihre Aussagen falsifiziert werden; bestenfalls kann daher bewiesen werden, dass eine Hypothese nicht zutrifft. Die Arbeit der Wissenschaft besteht mithin nicht darin, Wahrheiten zu beweisen, sondern Unwahrheiten zu eliminieren. Eine wissenschaftliche Hypothese gilt also stets vorläufig, nämlich solange sie nicht falsifiziert ist. Kriterium für die Wissenschaftlichkeit einer Aussage ist mithin ihre Falsifizierbarkeit: Es muss sich ein Ereignis angeben lassen, bei dessen Eintreten die Hypothese als widerlegt zu gelten hat. Falsifizierbarkeit ist aber etwas völlig anderes als die von Raddatz postulierte Falsifikationsresistenz, und sogar das Gegenteil davon. Wenn er ein solches Postulat Popper zuschreibt, hat er entweder dessen Theorie nicht verstanden oder spekuliert auf die Unkenntnis seiner Leser.
Systeme von ineinandergreifenden Hypothesen nennt man Modelle, oder, wenn sie den Falsifikationsversuch überstanden haben, Theorien. Sozial- und geisteswissenschaftliche Theorien sind in der Regel ziemlich komplex; dies aber nicht deshalb, weil Wissenschaftler “kunstvolle Beweissysteme für ihre jeweilige Richtung” mit dem Ziel “einzig und allein der Bestätigung einer vorgegebenen, ‘wissenschaftlichen’ Wahrnehmung” entwickeln würden, wie Raddatz unterstellt, sondern schlicht, weil ihr Gegenstand - eben die menschliche Gesellschaft - naturgemäß komplex und daher schwerlich mit simpel strukturierten Theorien zu erfassen ist. Da Sozialwissenschaftler im Unterschied etwa zu Physikern ihre Hypothesen normalerweise nicht im Labor testen können (z.B. “Wie hätte der Nationalsozialismus ohne Hitler ausgesehen?”), sind sie darauf angewiesen, diejenigen Fakten zu interpretieren, die sie vorfinden. Dabei können die bekannten Fakten durchaus mit zwei oder mehr verschiedenen Theorien kompatibel sein. Dies aber eben nicht, weil diese Theorien das Falsifizierbarkeitskriterium nicht erfüllen würden, sondern deshalb, weil die Ereignisse (noch) nicht eingetreten sind, durch die die eine oder andere Theorie falsifiziert würde.
(Ein Beispiel: Raddatz kommt aufgrund seiner Analyse der islamischen Religion und Kultur zu dem Ergebnis, dass es einen demokratischen “Euro-Islam” nie geben werde, und kritisiert daher den Sozialwissenschaftler Bassam Tibi, der eben dies für durchaus möglich hält. Beide Prognosen, ebenso wie die Theorien, auf denen sie aufbauen, sind mit den bekannten Fakten kompatibel; beide sind auch falsifizierbar. Das falsifizierende Ereignis, nämlich die Entstehung oder eben Nicht-Entstehung eines solchen Euro-Islam, kann aber erst in der Zukunft eintreten; daher müssen gegenwärtig beide Theorien als wissenschaftliche anerkannt werden, obwohl nur eine von beiden sich am Ende als richtig erweisen wird.)
Es trifft also durchaus zu, dass “in ein- und demselben Wissensgebiet … zwei völlig konträre ‘Schulen’ entstehen” können. Zwei! Es können auch drei oder vier sein, aber eben nicht hundert oder tausend. Wenn Raddatz auf die Möglichkeit von “zwei völlig konträren ‘Schulen’” verweist, beweist er also gerade nicht das, was er beweisen will, nämlich dass dort unwissenschaftlich gearbeitet werde, sondern das Gegenteil: dass das Poppersche Falsifizierbarkeitskriterium als effektiver Filter wirkt, der die Anzahl möglicher Interpretationen der Wirklichkeit auf ein Minimum reduziert! (Dass es ungeachtet dessen in der Wissenschaft, wie in jedem anderen sozialen System von der Schulklasse bis zum Großkonzern, auch Anpassungsdruck, Abhängigkeiten etc. gibt, ist eine wissenschaftssoziologische Binsenweisheit; und ich weiß, wovon ich rede: Meine eigene Wissenschaftskarriere ist genau solchen Mechanismen zum Opfer gefallen. Diese können den Fortschritt der Wissenschaft tatsächlich hemmen, machen sie aber noch lange nicht zur Un-Wissenschaft.) Er beweist zweitens, dass er jenseits seines eigenen Fachgebiets nicht wirklich weiß, was Wissenschaft eigentlich ist und wie sie funktioniert (oder, schlimmer noch, es weiß, aber davon ausgeht, dass sein Leser es nicht weiß).
Und schließlich erweckt er den Eindruck, dass seine Verwechslung von Falsifizierbarkeit mit Falsifikationsresistenz kein Lapsus, sondern absichtliche Begriffsverwirrung ist. Sein eigener Standpunkt, wonach wissenschaftliche Erkenntnis nur auf der Basis der christlichen Zentraldogmen möglich sei, ist nämlich tatsächlich falsifikationsresistent - gerade weil er nicht falsifizierbar ist: Durch welches Ereignis könnte denn die Annahme falsifiziert werden, dass Gott existiere, dass er dreifaltig sei, dass er sich in Christus offenbart habe usw.? Durch keines. Diese Annahmen sind nicht falsifizierbar (ebensowenig wie die Annahme, der Koran sei das ungeschaffene Wort Gottes) und damit keine wissenschaftlichen Aussagen, jedenfalls nicht im Sinne der Popperschen Wissenschaftstheorie. Falsifikationsresistent sind sie - eben deswegen - sehr wohl. Wie alle religiösen Dogmen.
Wir haben es hier mit genau dem Kunstgriff zu tun, mit dem die sogenannten “Kreationisten”, also Gegner der Evolutionstheorie, speziell in Amerika seit Jahren versuchen, in der Öffentlichkeit die Meinungsführerschaft zu erobern, nicht ohne Erfolg übrigens: Da werden populäre, aber falsche Vorstellungen von dem, was Wissenschaft leisten kann und sollte, dazu benutzt, an die reale Wissenschaft Forderungen nach absoluter Wahrheit zu stellen, die sie - als Wissenschaft, wenn sie das auch bleiben soll - unmöglich erfüllen kann, ja nicht einmal zu erfüllen versuchen darf! D.h. Wissenschaft wird zu etwas umgelogen, was sie nicht sein kann; dann wird festgestellt, dass sie diese unerfüllbaren Postulate tatsächlich nicht erfüllt - dass sie also tatsächlich nicht das ist, was sie naturgemäß nicht sein kann und darf - und schließlich wird die alleinseligmachende Wahrheit des Christentums als unfehlbare Therapie für die vermeintliche Krankheit angepriesen.
Raddatz geht noch deutlich weiter als die Kreationisten und greift die Wissenschaft als ganze an, nicht nur die Biologie. Warum er das tut, werden wir noch sehen; einstweilen geht es mir darum aufzuzeigen, welche Implikationen Raddatz’ Verständnis von “Wissenschaft” hat, und warum ich es so ausführlich seziert habe, dass mancher vielleicht schon ungeduldig geworden ist:
Die Diskursform, die in der Wissenschaft systematisiert und institutionalisiert ist, ist ja nichts anderes als die Grundform rationalen Argumentierens überhaupt - und von genau dieser Art von Auseinandersetzung lebt eine Demokratie.
Sie lebt nicht nur davon, dass bestimmte Spielregeln tatsächlich eingehalten werden - Gewaltfreiheit der politischen Auseinandersetzung, Anerkennung von Wahlergebnissen usw. Ein demokratischer Staat hat nur begrenzte Mittel, dies zu erzwingen; er ist auf den gesellschaftlichen Konsens angewiesen, dass diese Regeln legitim und gerecht sind. Legitim und gerecht wird sie indes nur der finden, und Toleranz wird sich nur der zumuten lassen, der bei allem Engagement für die eigene Meinung zumindest theoretisch die Möglichkeit zugesteht, dass der Andersdenkende Recht haben könnte, und der auf die Kraft seiner Argumente vertraut. Argumente sind aber Mittel, den Anderen zu überzeugen. Sie können daher naturgemäß nur auf Tatsachen beruhen, die logisch miteinander verknüpft werden, und eben nicht auf Glaubensartikeln, die sich der Überprüfung entziehen. Tatsachen müssen aber als solche allseits anerkannt sein, sollen sie als Basis von Argumenten dienen. Nun ist es dem Einzelnen normalerweise nicht möglich, jede relevante Tatsache mit eigenen Augen nachzuprüfen. Wie überall in der modernen Gesellschaft, so gilt auch hier das Prinzip der Arbeitsteilung: Eine Reihe von gesellschaftlichen Teilsystemen, darunter insbesondere die Wissenschaft und die Medien, sind darauf spezialisiert, die Gesellschaft mit Informationen zu versorgen; sie operieren nach einem allseits bekannten Modus, der darauf abzielt, Unwahrheiten auszuscheiden, und lassen interne Konkurrenz zu, um die Einhaltung dieses Modus zu sichern. Dadurch erzeugen sie ein gesellschaftlich geteiltes Tatsachenuniversum, auf dessen Basis argumentiert werden kann. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass man alles, was Wissenschaftler oder gar Journalisten behaupten, unkritisch akzeptieren müsste; man kann es anfechten. Aber eben nur gestützt auf Tatsachen aus demselben Universum! Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Natürlich kann und soll man sowohl die Wissenschaft als auch die Medien kritisieren, sofern man wirklichen Anlass dazu hat (ohne Kritik können sie gar nicht funktionieren). Sie aber pauschal der systematischen Irreführung zu bezichtigen (die Medien bezeichnet Raddatz als “gleichgeschaltet”, S.378, wohl wissend, dass dies eine Gleichsetzung heutiger Medien mit Goebbels’ Propagandaapparat impliziert), ist etwas völlig anderes: Durch eine solche Fundamentalkritik, die ja nur die Aufforderung bedeuten kann, keinem Wissenschaftler und keinem Journalisten mehr zu trauen (sofern sie anderer Meinung sind als Raddatz), wird das gemeinsame Tatsachenuniversum zerstört, und zwar ohne dass es durch etwas Gleichwertiges ersetzt würde. Wo es keinen Konsens über die Wahrheitskriterien gibt, glaubt Jeder das, was er glauben will, gibt es keine rationale Argumentation, wird der Andersdenkende zum Feind. Der Bürgerkrieg beginnt nicht erst, wenn der Erste zur Kalaschnikow greift. Er beginnt, wenn “absolute Wahrheiten” die öffentliche Meinung erobern.
Raddatz hat sehr überzeugend herausgearbeitet, dass die offene Gesellschaft sich ihr eigenes Grab schaufelt, wenn sie einem intoleranten Islam mit Toleranz begegnet. Was er unterschlägt ist, dass eine demokratische Gesellschaft, vorausgesetzt, sie soll das auch bleiben, überhaupt keine intolerante Religion oder Ideologie dulden darf! Auch keinen christlichen Fundamentalismus.
Die Rolle der katholischen Kirche
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass dort, wo Wissenschaft nichts mehr gilt, alles geglaubt werden kann, notfalls auch jeder Schwachsinn, so liefert Raddatz ihn höchstpersönlich mit seinen Angriffen auf die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. Ersterer habe katholische Untergrundpriester in der Sowjetunion ans KGB verraten, letzterer den Stuhl Petri den Machenschaften der CIA und der Freimaurer zu verdanken. Der erstaunte Leser blättert zu den Fußnoten und findet dort nicht etwa wissenschaftliche Werke (natürlich nicht!), sondern die Bücher: I Millenari, Wir klagen an, Berlin 1999; und E.R. Carmin, Das schwarze Reich, München 2000 - zwei Traktate aus dem Narrensaum der Publizistik, also aus jenem Randbereich des öffentlichen Diskurses, wo sich normalerweise UFO-Sekten und Holocaustleugner tummeln. Was Raddatz aber nicht daran hindert, solche Machwerke ausgiebig als Quellen zu benutzen. Wer sich vielleicht gefragt hat, ob ich übertreibe, wenn ich oben sage, der Glaube an “absolute Wahrheiten” sei der Beginn des Bürgerkrieges, den bitte ich, dies zu bedenken: Wenn gläubige Christen sich berechtigt fühlen, um der “Wahrheit” willen das Achte Gebot zu missachten - Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten - warum sollten sie davor zurückschrecken, zur höheren Ehre Gottes auch das Fünfte Gebot zu übertreten: Du sollst nicht töten? Das Prinzip jedenfalls, der Zeck heilige die Mittel, kennt keine inhärente Begrenzung, schon gar nicht für Menschen, die glauben, Gott auf ihrer Seite zu haben.
Die katholische Kirche, so Raddatz, habe spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zielstrebig daran gearbeitet, ihre eigenen Glaubenswahrheiten zu demontieren und zu relativieren. Die mit dem Konzil eingeleitete “Öffnung zur Welt” sei nichts weiter als der Versuch, den Katholizismus in einer Art synkretistischer Weltreligion aufgehen zu lassen - womit der “liberalistische” Hang zur “Fremdorientierung” auch in der katholischen Kirche angekommen sei und im Pontifikat Johannes Pauls II. auch des Heiligen Stuhls sich bemächtigt habe - wobei Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation diesen Kurs der theologischen Selbstauflösung ideologisch abgesichert habe. Ratzinger!!! Ich habe versprochen, den Autor nicht lächerlich zu machen, aber selbstverständlich kann ich ihn nicht daran hindern, sich selbst lächerlich zu machen!
Eine Öffnung der Kirche hat es seit dem Konzil zweifellos gegeben, aber könnte es dafür nicht auch andere Erklärungen geben als die, der Klerus sei eine Bande von Verrätern? Raddatz zieht Möglichkeiten wie die folgenden gar nicht in Erwägung: Vielleicht musste die Kirche sich öffnen,
…weil sie nicht auf die Dauer in einer Frontstellung gegen die Wissenschaft verharren kann? Oh nein, würde Raddatz sagen: Wie wir bereits wissen, ist die Wissenschaft ein ideologisches Zwangssystem, dessen Ergebnisse man daher nicht allzu ernst nehmen muss.
…oder weil sie in einer pluralistischen Gesellschaft mit anderen Religionen und gesellschaftlichen Kräften koexistieren muss und deshalb ohne ein Minimum an Toleranz nicht auskommt? Keinesfalls: Pluralismus und “liberalistische Zwangstoleranz” sind bekanntlich Ideologien zur Zersetzung des Christentums, mit denen die Kirche auf keinen Fall Kompromisse schließen darf.
… oder vielleicht, weil die christliche Ethik zumindest den Versuch nahelegt, die Dinge auch von der Warte des Andersgläubigen zu verstehen? Nun, wie wir bereits sahen, gilt die christliche Ethik in diesem Punkt nicht.
Man sieht, wie sich der Kreis schließt und das Wahnsystem Gestalt annimmt: Wenn die Wirklichkeit - der Kirche, der Wissenschaft - nicht zum Dogma passt, dann kann dies auf keinen Fall daran liegen, dass mit dem Dogma etwas verkehrt ist; nein, dann müssen Verrat, böser Wille und böse Mächte am Werk sein. (Man darf dies wohl die katholische Version des Trotzkismus nennen: Wenn der Kommunismus in der Praxis nicht so schön ist wie in der Theorie, dann ist nicht die Theorie falsch, sondern Stalin ein Verräter!). Wenn also die Kirche ihre Dogmen lockert und sich in Dialog und Ökumene versucht, kann das nicht mit der Wirklichkeit zu tun haben, in der sie existiert und sich bewähren muss, sondern es liegt - wir ahnen es - an den Freimaurern, die den Klerus unterwandert haben, um die Kirche zu zerstören und ihr Projekt einer synkretistischen Weltreligion durchzusetzen.
Das demokratische Gemeinwesen
Wie mit der Kirche und der Wissenschaft, so geht Raddatz auch mit der Demokratie um: Er geht von einer Idealvorstellung aus, die ebenso populär wie unrealistisch ist, und die man aus seiner Kritik an der realen Demokratie rekonstruieren muss, denn explizit legt er seine normativen Prämissen zur Demokratie ebensowenig offen wie die zur Kirche.
Demgemäß ist Demokratie idealiter ein System, in dem der Wille des Volkes ungeschmälert und ungefiltert umgesetzt wird, und zwar von rastlos für das Gemeinwesen sich verzehrenden, selbstlosen Politikern. Ja, ja, so ungefähr stellt sich der kleine Hans die Demokratie vor. Und wenn der kleine dann ein großer Hans geworden ist und feststellen muss, dass die Wirklichkeit sich nicht nach solchen Wunschträumen richtet, dann kann er sich nicht damit zufriedengeben, oder auch nur zugeben, dass die Demokratie das System ist, mit dem die reichsten, freiesten und sichersten Staaten der Welt seit Jahrzehnten, z.T. Jahrhunderten erfolgreich arbeiten. Sondern dann ist sie für ihn ein System
“… negativer Eliten, die sich inzwischen jeder wirksamen Kontrolle entledigt haben, das eigene Wohl dem der Gemeinschaft grundsätzlich vorordnen, über die Verquickung mit den Verbänden wirtschaftliches Kapital in politische Macht umwandeln und damit in der Lage sind, jedes Interesse, das der eigenen Macht- und Einkommensbasis nützt, gegen das Solidarinteresse durchzusetzen.”
Dabei sind die einzelnen Kritikpunkte, auf denen Raddatz sein Verdammungsurteil aufbaut, durchaus nicht aus der Luft gegriffen: Politische Eliten in demokratischen (wie in allen anderen) Ländern tendieren tatsächlich zur Selbstrekrutierung, zur Korruption, zur Verflechtung mit anderen gesellschaftlichen Funktionseliten (namentlich der Wirtschaft), zur Kartellbildung in Gestalt von Parteien usw., kurz: zur Bildung von Oligarchien, wie jeder Politikstudent spätestens im zweiten Semester lernt (was Raddatz freilich nicht daran hindert zu behaupten, so etwas wie eine “unabhängige Politikwissenschaft und -kritik”, S.375, gebe es nicht). Ist das problematisch? Natürlich ist es problematisch, und ist der Grund dafür, dass die Politik sich von der Justiz, den Medien, der Wissenschaft und dem Wähler kontrollieren und kritisieren lassen muss. Raddatz behauptet freilich, die Politik habe all diese Instanzen, einschließlich des “entmündigten” Wählers ihrerseits unter ihre Kontrolle gebracht und sich unterworfen.
Aha! Das Bundesverfassungsgericht spuckt also niemals den Politikern in die Suppe; die Medien decken nichts auf, was die Politik gern unter dem Teppich halten möchte; Sozial- und Wirtschaftswissenschaften bejubeln prinzipiell die Politik; und natürlich hat auch noch nie eine Regierung Wahlen verloren! Dies alles ist nicht einfach Irrtum, sondern Unsinn, und dies so offensichtlich, dass man über die Chuzpe nur staunen kann, mit der Raddatz auf die Bereitschaft seiner Leser spekuliert, sich von ihm belügen zu lassen.
Die Politik benutzt nach Raddatz’ Meinung ihre - von ihm erfundene - Allmacht, um gegen die Interessen ihrer Wähler (die dies nicht erkennen können, weil sie durch Bildungsverfall entmündigt sind), dafür aber im Interesse
“… absolutistische(r) Eliten der Kirchen, der Bildung und der Politik, die mit den globalen Bank- und Konzernakteuren die ideologischen Wächterfunktionen über die moderne Totalmoral übernehmen”, …
eine Globalisierung voranzutreiben, die gewachsene Strukturen - vom Sozialstaat bis zum Christentum - zerstört, und damit der “liberalistischen” Ideologie zur weltweiten Vorherrschaft verhilft. Zu den Interessen dieser elitären Minderheit gehört insbesondere auch umfangreiche Arbeitsmigration, weil diese sowohl auf Löhne und Sozialsysteme drückt als auch die Dominanz des Christentums untergräbt.
Kritik an diesem Vorgehen, so Raddatz, wird unterdrückt, indem “Denkverbote” verhängt und Kritiker in die Nähe von Rechtsradikalen gerückt werden (womit sich die Frage, welche Art von Kritik tatsächlich rechtsradikal ist, praktischerweise in Luft auflöst). Kritiker müssen sogar um ihr Leben fürchten (und diese Behauptung zielt nicht etwa auf Islamisten-Fatwas, sondern auf die liberale Gesellschaft selbst):
“Sichere Indikatoren für ein nachhaltiges Greifen des interkulturellen Massenliberalismus sind dann anzunehmen, wenn der emanzipierte Einsatz von Glaube, Wissen und Verantwortung endgültig unter die Rubrik des ‘Rechtsradikalismus’, zumindest jedoch konsequent auszugrenzender Unkultur gefallen sind. Wenn glaubenstreue Kritiker die Wahrheit des Christentums, analytisch orientierte Wissenschaftler [Meint Raddatz hier womöglich sich selbst??? D. Verf.] die Kompetenz der rationalen Methode und Bürger ihre Verfassungsrechte in Migrationsfragen vertreten, können sie bereits heute ‘unreine’ Faktoren darstellen, deren Existenz einzuschränken ist. Ob diese Einschränkung in Meinungsdruck, Rufmord, materiellem Ruin oder physischer Vernichtung besteht, bedeutet keinen substantiellen Unterschied, sondern bezeichnet nur den graduellen Fortschritt der inneren Systemverfassung im vereinheitlichenden Heilsprozess einer totalitären Moral.” (S.413)
Den folgenden Abschnitt muss ich ebenfalls wörtlich zitieren, weil mir das sonst keiner glaubt, dass ein deutscher Gelehrter dergleichen schreiben kann, ohne dass die Welt einstürzt:
“Dieser Bereich ist von klassischer Bedeutung für die praktische Stabilisierung ideologischer Dominanz und eignet sich hervorragend zum Einsatz von agents provocateurs zur Konstruktion gewünschter Szenarien wie z.B. die Simulation ‘rechtsradikaler’ Anschläge.” (S.396)
Ja, Ihr habt richtig gelesen: Es gibt gar keinen Rechtsradikalismus - rechtsradikale Anschläge sind vielmehr aus Gründen “interkultureller Herrschaftslegitimation und volkspädagogischer Propaganda” (S.396) von Staats wegen inszeniert worden! Die aktualisierte Version der Auschwitzlüge.
Wir haben es also bei dieser Interpretation der Demokratie mit dem mittlerweile vertrauten Raddatz-Muster zu tun: Er erspart sich die Mühe der empirischen Analyse und interpretiert alles, was er als Fehlentwicklung zu erkennen glaubt, als Ergebnis einer großangelegten Verschwörung, deren Ziel die Weltherrschaft einer privilegierten Minderheit sei. Um das zu “beweisen”, schreckt er dann auch vor keiner Verleumdung zurück.
Wir sind jetzt so weit, …
die Architektur des Wahnsystems
zu analysieren, das Raddatz entwickelt:
Prämisse ist die unhinterfragbare Wahrheit der christlichen Zentraldogmen (eine objektive Wahrheit, die nicht etwa eine persönliche Glaubensentscheidung voraussetzt, sondern auf derselben Ebene empirischer Realität angesiedelt ist wie die Tatsache, dass der Regen von oben nach unten fällt). Daraus, dass sie wahr sind, folgt, dass es nicht an den Dogmen selbst liegen kann, wenn sie immer weniger Menschen plausibel erscheinen. Vielmehr haben böse - sagen wir ruhig: teuflische - Mächte das Christenvolk im Glauben irre werden lassen. Zuerst hat der Klerus durch seinen Machtmissbrauch den Glauben erschüttert, dann die Aufklärung, speziell die Wissenschaft, ihm den Rest gegeben.
Selbstredend folgt aus der Wahrheit der christlichen Dogmen auch, dass eine Wissenschaft, die diese Dogmen bezweifelt, zumindet aber nicht bestätigt, in Wirklichkeit keine Wissenschaft ist, sondern ein System antichristlicher Ideologieproduktion. Scheinbar eine unplausible Behauptung: Warum sollte die Wissenschaft Lügen produzieren, wo es ihr doch um Erkenntnis geht? Weil es ihr eben gar nicht um Erkenntnis geht, sondern um Herrschaft!
Und schließlich folgt aus der Wahrheit der Dogmen die Pflicht der Kirche, die Wissenschaft, den liberalen Staat und fremde Religionen zu bekämpfen; wenn sie dies nicht tut, sondern sich in Dialog und friedlicher Koexistenz übt, so “beweist” dies, dass sie von ihren Feinden, den Freimaurern, unterwandert ist. Was scheinbar “Kirche” ist, ist also in “Wirklichkeit” ebensowenig Kirche, wie das, was scheinbar Wissenschaft ist, Wissenschaft ist. Wenn den Christen dies nicht auffällt, dann nicht etwa deshalb, weil es Unsinn ist, sondern weil die Christen durch die jahrhundertelange Gewöhnung an die Autorität der Kirche “entmündigt” sind. (”Entmündigt” ist überhaupt Jeder, der Raddatz’ Auffassungen nicht teilt.)
Die Politik wiederum ist ein Machtkartell, das systematisch gegen die Interessen des eigenen Gemeinwesens arbeitet. Und wieder stellt sich die Frage, warum die Politik dies tun sollte, wo sie sich doch Ärger mit allen möglichen Kontrollinstanzen einhandelt? Weil das, was Kontrollinstanzen zu sein scheinen, in “Wirklichkeit” Agenten eben der zu kontrollierenden Politik sind; was es dieser erlaubt, sich mit den religiösen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten zu einem Weltherrschaftskartell zusammenzuschließen. Und wieder steht Raddatz vor dem Problem, warum niemand das bemerkt. Nun, weil es sich eben um eine Verschwörung handelt und die Verschwörer listigerweise eine Ideologie verbreiten, zu deren zentralen Bestandteilen eben das Verbot von Verschwörungstheorien gehört:
“Von immer wieder erstaunlicher Wirkung zeigt sich das Ur-’Argument’ der liberalen Ambivalenz und Schreckgespenst des Intellektualismus, der Universalvorwurf der ‘Verschwörungstheorie’, deren Denkverbote bislang überaus effiziente Schutzräume für Strategien im Rahmen übergeordneter Gesellschaftveränderungen erzeugt haben. … Dieser neuen Machart des postmodernen Globalismus, auch bekannt unter der ‘Neuen Weltordnung’ nützte nichts so sehr wie das Verbot des ‘Verschwörungsdenkens’, nichts anderes als ‘die sorgfältig gepflegte Vorstellung, sie existiere überhaupt nicht’” (S.245)
(Ich muss hier darauf verzichten, auf Raddatz’ Deutsch einzugehen, der Beitrag wird auch so schon lang genug; ich möchte aber erwähnen, dass ich nicht etwa gezielt schief formulierte Sätze herausgepickt habe, sondern dass das ganze Buch in diesem Stil verfasst ist.)
Indem wir also Raddatz’ Theorie auf ihr logisches Skelett reduzieren, erkennen wir, was er nicht wahrhaben will: Dass nämlich im wissenschaftlichen, und überhaupt in jedem rationalen, Diskurs bestimmte “Denkverbote” ganz unvermeidlich sind, z.B. das Verbot, religiöse und daher prinzipiell nicht falsifizierbare Aussagen als empirische Fakten zu behandeln und als solche zu Prämissen einer empirischen Analyse zu machen. Dadurch, dass Raddatz sich über dieses Verbot hinwegsetzt, setzt er eine Spirale des Irrsinns in Gang:
Er leitet aus seiner unzulässigen Prämisse - streng logisch - unhaltbare Schlussfolgerungen ab, deren Mangel an Plausibilität ihn zwingt, haarsträubende Zusatzannahmen einzuführen (und sei es im Wege der Lüge und Verleumdung!), die ihrerseits der Abstützung durch noch aberwitzigere Theoreme bedürfen. Und so fort.
Am Ende steht ein paranoid geschlossenes, rechtstotalitäres Weltbild, das sich gegen Kritik dadurch immunisiert, dass es die Regeln des rationalen Diskurses (an die eine solche Kritik gebunden ist), selbst zu Bestandteilen einer feindlichen Ideologie erklärt. Das gilt auch für das “Denkverbot” der Verschwörungstheorie: In der Natur von Verschwörungen liegt es ja, dass ihre Existenz ebensowenig bewiesen wie widerlegt werden kann. Es handelt sich also um nicht falsifizierbare Behauptungen, die deshalb in wissenschaftlichen Zusammenhängen verboten sind, und man kann gerade am Beispiel von Verschwörungstheorien demonstrieren, warum sie auch verboten sein müssen:
Würde man nämlich als wissenschaftliche Aussage die These akzeptieren, es gebe etwa eine Weltverschwörung der Freimaurer, dann könnte jede andere Verschwörungstheorie dasselbe Maß an Plausibilität und Seriosität beanspruchen: die “Verschwörung” des Westens zur Unterjochung des Islam zum Beispiel, oder die “Verschwörung” der Vereinten Nationen mit den Außerirdischen, oder auch der Klassiker: die “Verschwörung” der Weisen von Zion. (Nebenbei: Es ist schon merkwürdig, dass Raddatz, der doch selbst durchaus kein Antisemit ist, mit seiner Polemik gegen die Freimaurer einen Topos aufgreift, der geistesgeschichtlich eindeutig im Kontext des Antisemitismus steht: Das Begriffspaar “Juden und Freimaurer” ist ein Evergreen der antisemitischen Propaganda, und es irritiert schon sehr, dass Raddatz nicht die Spur einer selbstkritischen Reflexion auf diesen Umstand verwendet.) Kurz und gut: Die Zulassung von Verschwörungstheorien würde dazu führen, dass man schlechterdings jedes beliebige Ereignis auf jede beliebige Verschwörung zurückführen könnte; von einer rationalen Erklärung gesellschaftlicher Vorgänge könnte dann keine Rede mehr sein. Wenn Raddatz der Soziologie vorwirft, Verschwörungstheorien auszuschließen, dann ist das ungefähr so sinnvoll, als würde er der Mathematik vorwerfen, die Division durch Null zu verbieten. In beiden Fällen geht es darum zu verhindern, dass eine unendliche Anzahl einander widersprechender Aussagen mit dem gleichen Anspruch auf “Wahrheit” vorgetragen werden kann. Es geht um die Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt.
Falls es jemand noch nicht bemerkt haben sollte: Raddatz schreibt nicht als Konservativer! Es ist in keinem vernünftigen Sinne des Wortes “konservativ”, die Grundlagen der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung zu unterminieren und sämtliche Angehörigen der gesellschaftlichen Funktionseliten als eine Bande von Verbrechern zu verleumden. Man kann ihn auch nicht sinnvoll einen Reaktionär nennen, denn er zielt nicht darauf ab, irgendetwas wiederherzustellen, was realhistorisch schon einmal existiert hätte. Sein Ausgangspunkt ist ein metaphysisches Idealchristentum, das ab dem Hochmittelalter nach und nach zerstört worden sei, und von dem aus er die bestehende Ordnung verdammt. Im Namen einer unhistorisch idealisierten Vergangenheit (des germanischen Kriegertums, des medinensischen Ideal-Islam oder eben des mittelalterlichen Christentums) die Vernichtungswürdigkeit der bestehenden Ordnung zu postulieren: Das ist eine klassisch rechtsextreme Position!
Was hier zum Vorschein kommt, ist die dunkle, die apokalyptische Seite des Christentums, bekannt auch als Chiliasmus oder Millenarismus (im vorliegenden Zusammenhang korrekt: Prämillenarismus), also die Vorstellung, dass der Wiederkehr Christi eine Zeit der “großen Drangsal” vorausgehen werde, in der der Antichrist die Welt regiert. Und zwar so lange, bis Christus wiederkehrt und diese teuflische Welt in einem gewaltigen Strafgericht vernichtet - wovon nur wenige Auserwählte, die wahren Gäubigen verschont bleiben, die bis dahin bitterster Not und Verfolgung ausgesetzt sein, aber schließlich von Gott für ihre Standhaftigkeit im Glauben belohnt werden.
Raddatz sagt das alles nicht ausdrücklich - wahrscheinlich ist er sich bewusst, dass er damit bei einem europäischen Publikum allenfalls Hohngelächter ernten würde, und viele seiner Leser und Fans werden kaum wissen, was es mit Anspielungen wie dieser auf sich hat:
“Die Kirche Christi ist davon [von dem Verrat des Klerus, d.Verf.] unberührt. Aber sie wird durch harte Prüfungen gehen müssen.” (S.503)
Die meisten werden sich auch kaum bewusst sein, dass Raddatz mit seiner allumfassenden Verschwörungstheorie eine Welt beschreibt, die vom Antichristen regiert wird. Aber diejenigen, für die sie bestimmt sind, verstehen seine Anpielungen sehr genau.
Was ist daran eigentlich so gefährlich, …
dass ich es derart ausführlich analysiere? Na gut, wird manch einer sagen, dann ist er eben Fundamentalist. Na gut, dann neigt er eben zu exzentrischen Ideen. Verrückt mag das alles sein - aber ist es so gefährlich, dass Manfred mir deshalb meine Zeit stehlen darf? Befürchtet er etwa, die Deutschen könnten sich unter Raddatz’ Einfluss zu einem Volk von Fundamentalisten wandeln, noch dazu katholischer Ausrichtung?
Natürlich nicht! Es geht um etwas anderes:
Blicken wir auf den schon erwähnten Narrensaum der Gesellschaft: Holocaustleugner, Neonazis, UFO-Gläubige, New-Age-Jünger, apokalyptische Sekten christlicher wie nichtchristlicher Ausrichtung: Sie alle teilen die frustrierende Erfahrung, dass die Gesellschaft ihre Theorien nicht etwa nur ablehnt (Das tut sie auch mit anderen Theorien, etwa dem Marxismus, ohne ihnen die philosophische Seriosität abzusprechen.), sondern als blanke Spinnerei abtut; sie gelten als unseriös und nicht gesellschaftsfähi8g.
Bekanntlich ist es den meisten Menschen unangenehm, in solchen Fällen den Fehler bei sich selbst zu suchen. Da sie ihren Ausschluss aus dem als seriös geltenden Diskurs der Tatsache verdanken, dass sie geltende intellektuelle Standards verletzen, und da diese Standards naturgemäß von Eliten definiert werden (Welcher Normalbürger weiß schon, was es mit dem Popperschen Falsifizierbarkeitskriterium auf sich hat?), bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als diese Standards und die sie formulierenden Eliten selbst aufs Korn zu nehmen. Auf diese Weise dehnt sich jede Verschwörungstheorie von ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt (Freimaurer, Juden, Außerirdische etc.) ganz von selbst auf sämtliche Funktionseliten aus, die angeblich unter einer Decke stecken, damit die “Wahrheit” nicht ans Licht komme: Ein Aberwitz kommt selten allein!
Die zwingende letzte Konsequenz jedes Wahnsystems ist die Fiktion, dass alle gesellschaftlichen Teilsysteme in “Wirklichkeit” das Gegenteil von dem tun, was sie zu tun scheinen: Die Wissenschaft erzeugt dann Unwahrheiten, die Politik arbeitet gegen die Interessen des eigenen Gemeinwesens, die Justiz spricht Unrecht, die Medien lügen, die Kirchen sind Agenten des Antichristen usw.
Das Gefährliche daran ist, dass eine Demokratie nicht nur darauf angewiesen ist, dass all diese Teilsysteme tatsächlich funktionieren, sondern mindestens ebensosehr darauf, dass die Menschen auf dieses Funktionieren vertrauen! Eine Demokratie wird in dem Moment zur sprichwörtlichen “Republik ohne Republikaner” und bricht zusammen, wenn die kulturellen Voraussetzungen, auf denen sie basiert, die Spielregeln, auf denen sie aufbaut, nicht mehr akzeptiert werden, weil rechte und linke Ideologen sie als ideologische Täuschungsmanöver zur Bemäntelung von Herrschaftsinteressen denunziert haben! In diesem Punkt trifft sich Raddatz ebenso mit der extremen Linken wie mit seiner pauschalen Globalisierungskritik und mit seiner “Entmündigungs-”These, die nichts anderes ist als die rechte Version der linken Zwangsvorstellung vom “falschen Bewusstsein”.
Was immer die Bewohner des Narrensaums - und zu denen müssen wir nun auch Raddatz rechnen - sonst voneinander unterscheidet: Sie sind sich einig in ihrem Hass auf alles, was aufgeklärt, liberal, tolerant, demokratisch, intellektuell, modern, friedfertig und frei ist, und was sich nicht dem Diktat ihrer jeweiligen totalitären Wahnvorstellungen unterwerfen will. Da sie sich außerdem, wie gezeigt, sogar in ihren Mitteln einig sind, sind sie füreinander anschlussfähig.
Es exkulpiert einen Mann wie Raddatz nicht im Geringsten, dass er persönlich kein Rassist und kein Antisemit ist, sondern andere Wahnideen vorzieht. Aus der Sicht von Neonazis ist er ein nützlicher Trottel und als solcher sogar noch wertvoller, als wenn er einer von ihnen wäre. Sein christlicher Fundamentalismus gilt im Gegensatz zum Neonazismus als gesellschaftlich respektabel, überdies verfügt er über wissenschaftliche Reputation. Wenn er beides dazu einsetzt, mit seinen Angriffen auf Demokratie, Aufklärung, Wissenschaft, Freimaurer usw. den Neonazis die Waffen zu schmieden - umso besser für sie!
Auf die oben zitierte geniale Idee, Neonazi-Verbrechen demokratischen Politikern in die Schuhe zu schieben, sind die Neonazis bisher noch nicht einmal selbst gekommen! Seine Ausfälle gegen die Freimaurer kann jeder Antisemit, der auf der “Juden-und-Freimaurer-”Schiene unterwegs ist, genüsslich zitieren - und sich dabei auf “den berühmten Orientalisten Hans-Peter Raddatz” berufen; er muss doch gar nicht bemerken, dass Raddatz die Juden in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt! Oder nehmen wir sein Gerede über den
“…Shoa-Missbrauch, mit der sich alle Bereiche des öffentlichen Lebens in Religion, Politik, Bildung und Medien die deutsche Schuld als Instrument der Indoktrination aneigneten. So wie national-sozialistische Deutsche den Massenmord zu einer Industrie der Vernichtung entwickelt hatten, so bauten die ‘demokratischen’ Deutschen die Schuld zu einer Industrie totalitärer Erinnerung aus.” (S.41
Die NPD könnte es überhaupt nicht wagen, dergleichen in ihr Parteiprogramm zu schreiben. Sie hat es jetzt auch nicht mehr nötig; sie braucht ja nur den berühmten Wissenschaftler Raddatz zu zitieren. Genau wie sie bisher schon den “berühmten Historiker” David Irving zitiert hat!
20. September 2007 at 11:59
Vielen Dank, Manfred, fuer diese klare und gut formulierte Rezension!
20. September 2007 at 20:17
Ich bezeichne diese Rezension als voreingenommen. Die Überzeugung des Rezensenten, der Autor müsse Unrecht haben, steht schon am Anfang fest und wird trotz zahlreicher anerkennender Statements nicht revidiert.
Monokausalität kann ich in Herrn Raddatz’ Büchern wirklich nicht erkennen. In den kleinbedruckten 500 Seiten findet man etliche Begründungszusammenhänge und Kausalitäten, warum der Islam wurde, wie er ist, warum die Moderne das Abendland dekadent und - aus islamischer Sicht - sturmreif gemacht hat, und warum das Zusammentreffen einer auf Lüge und Gewalt aufbauenden Kultur mit einer nachgebenden und zurückweichenden Kultur fatal für letztere enden muss.
Wenn Raddatz so viele Dinge erkennt und sie couragiert und umfassend darstellt, könnte es dann nicht vielleicht doch sein, dass er auch in der Einschätzung der abendländischen Dekadenz richtig liegt? Ist es redlich, das eigene persönliche Unbehagen zum Richter über die Plausibilität der Gesamtaussage zu machen? Und selbst wenn seine Formulierungen spekulativ und notwendigerweise unscharf bleiben, ist die Unterstellung, Raddatz entwickle selbst eine totalitäre und staatsfeindliche Ideologie, unangebracht, unfair und unbegründet.
Dem Rezensenten geht es mit dieser Rezension vermutlich eher um die Fortexistenz seines heilen Weltbildes. Wo aber der Glaube, auch der daran, dass schon alles in bester Ordnung ist, die Wissenschaft dominiert und unangenehme Sichtweisen von vornherein ausblendet, da - und nicht etwa beim Verfasser - ist die Ideologie nicht weit.
Zum Ende hätte der Rezensent nicht deutlicher machen können, was er persönlich von dem Autor hält. Er bezeichnet ihn als “nützlichen Trottel” sowie als “Bewohner des Narrensaums” und garniert seine Diffamierungen mit zahlreichen Ausrufezeichen, die sich in einem seriösen Text von selbst verbieten.
Und selbst wenn Raddatz persönlich traditionalistischer Katholik ist und millenaristisch denkt, disqualifiziert ihn dies noch längst nicht als ernstzunehmenden Denker. Das Spekulative, Unscharfe ist bei Raddatz vorhanden, steht jedoch in keinem Verhältnis zur handfesten Analyse und ist schon gar nicht geeignet, ihm die Glaubwürdigkeit gänzlich abzusprechen oder ihm gar “Gefährdung der Demokratie” vorzuwerfen.
Die Demokratie - das sollte man nicht vor lauter Ressentiment aus dem Blick lassen - ist bei uns jedenfalls weniger durch Raddatz gefährdet als durch die Probleme, auf die er als fast Einziger hinzuweisen wagt.
21. September 2007 at 2:37
Thatcher,
1. Liest Du eigentlich auch mal, was Du kritisierst? Raddatz’ Ausführungen zum Islam habe ich ausdrücklich zugestimmt. Die diesbezüglichen Teile seines Buches sind genau diejenigen, wo er KEINE rechtsextremen Gedankengänge entwickelt.
2. Selbstverständlich habe ich ZUERST das Buch gelesen und DANN die Rezension geschrieben. Dass ich die Bewertung in meinem Text an den Anfang gestellt habe, hatte lediglich den quasi strategischen Sinn, dem Leser deutlich zu machen, warum es sich lohnt, die sehr ausführliche und akribische Analyse von Raddatz’ Ausführungen nachzuvollziehen, und zwar auch derjenigen Ausführungen, die auf den ersten Blick keinen unmittelbar politischen Bezug haben, wie etwa die über die mittelalterliche Kirche oder die Poppersche Wissenschaftstheorie.
3. “Wenn Raddatz so viele Dinge erkennt und sie couragiert und umfassend darstellt, könnte es dann nicht vielleicht doch sein, dass er auch in der Einschätzung der abendländischen Dekadenz richtig liegt?” - Leider wird umgekehrt ein Schuh daraus: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Einer, der überall nur Feinde und Verräter wittert, der mit aus der Luft gegriffenen Verleumdungen operiert und nicht einmal die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der Andersdenkende Recht haben könnte, diskreditiert auch diejenigen seiner Thesen, die richtig sind.
4. “Ist es redlich, das eigene persönliche Unbehagen zum Richter über die Plausibilität der Gesamtaussage zu machen?” - Ich habe nicht irgendein diffuses “Unbehagen” artikuliert, sondern sehr detailliert aufgezeigt, dass und inwiefern Raddatz die Standards rationalen Argumentierens verletzt und welche Folgen das hat.
5. Jedem, der der Meinung ist, “die Unterstellung, Raddatz entwickle selbst eine totalitäre und staatsfeindliche Ideologie, [sei] unangebracht, unfair und unbegründet”, ist eingeladen, seine Auffassung mit Argumenten zu untermauern. Ich stelle fest, dass Du das nicht tust, sondern es bei der bloßen Behauptung belässt. (Das Wort “unbegründet” ist in diesem Zusammenhang allerdings besonders amüsant: ich habe selten eine These so ausführlich und akribisch begründet wie die, dass Raddatz eine totalitäre und staatsfeindliche Ideologie entwickelt.)
6. “Dem Rezensenten geht es mit dieser Rezension vermutlich eher um die Fortexistenz seines heilen Weltbildes” - das natürlich mit der Realität nicht das Geringste zu tun hat. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, dass ich in einer freien, offenen, demokratischen, wohlhabenden und sicheren Gesellschaft lebe. Dass eine solche Gesellschaft nicht von selber existiert, sondern auf bestimmten kulturellen Voraussetzungen basiert, ist natürlich pure “Ideologie”. Und Ideologie ist auch, dass zu diesen Voraussetzungen die Akzeptanz bestimmter Spielregeln auch des intellektuellen Diskurses gehört. Rechtsextremisten, die diese Gesellschaft bedrohen, gibt es ja auch gar nicht, wie Raddatz uns belehrt hat, es sei denn, sie wären Muslime. Und der christliche Fundamentalismus war doch schon immer ein Hort der Meinungsfreiheit - wie komme ich nur darauf, dass daran irgendetwas rechtsradikal oder totalitär sein könnte?
6. “nützlicher Trottel” von Neonazis. Tja, falls Du mir einen treffenderen Ausdruck für jemanden nennen kannst, der die verfassungsmäßige Ordnung diffamiert, die Weltverschwörung der Freimaurer an die Wand malt, vom “Shoa-Missbrauch” faselt, durch den die Deutschen angeblich unterjocht werden, Neonazi-Anschläge glatt abstreitet und die weit über hundert Toten seit der Wiedervereinigung demokratischen Politikern in die Schuhe schiebt - falls Du mir also einen treffenderen Ausdruck nennen kannst, dann nehme ich den des “nützlichen Trottels” von Neonazis mit Bedauern zurück.
7. “Bewohner des Narrensaums”. Ja, das ist natürlich eine furchtbare Diffamierung. Seien wir also “politically correct” - die Narren könnten sich ja diskriminiert fühlen: Sprechen wir also nicht vom “Narrensaum”, sondern vom “Artikulationsforum psychisch benachteiligter Minderheiten”.
8. Wenn einer es für nötig hält, die Ausrufezeichen mitzuzählen, aber nicht für nötig hält, seine Argumente auf den Tisch zu legen, spricht das für sich.
9. “Und selbst wenn Raddatz persönlich traditionalistischer Katholik ist…” - Das ist er aber nicht. Traditionalistische Katholiken verleumden nicht drei Päpste und einige tausend Bischöfe auf einmal. Sie rufen auch nicht zum “Widerstand” gegen die Kirche auf.
10. “… und millenaristisch denkt, disqualifiziert ihn dies noch längst nicht…” Ach nein? Die Vorstellung, dass die Welt vom Antichristen regiert wird und Gottes Strafgerichtes harrt, disqualifiziert ihn nicht? Na denn…
11. “… als ernstzunehmenden Denker”. Du kannst ganz sicher sein, dass ich meine Zeit nicht gestohlen habe und mich nicht wochenlang mit einem Buch auseinandersetze, dessen Autor ich nicht ernstnehme. Ich nehme ihn SEHR ernst. Einen Autor, der es schafft, ein komplettes totalitäres Denksystem unter die Leute zu bringen, ohne einen Aufschrei zu provozieren, den kann man gar nicht ernst genug nehmen.
21. September 2007 at 5:39
Manfred, Du bist der Verfasser dieser Rezension, also bist zunächst einmal Du in der Pflicht, Belege auf den Tisch zu legen. Ich habe das Buch nämlich auch gelesen, und da stand nichts vom “Antichristen, der über die Welt herrscht”. Dass Raddatz so etwas glaubt, hast Du behauptet. Deine Rezension verwendet viel Text darauf, aus Raddatz’ tatsächlich geschriebenen Argumentationsfiguren die (möglicherweise) dahinterstehenden, aber nicht geschriebenen Grundaxiome (”Dogmen”
herzuleiten. Mag sein, dass Du damit hin und wieder richtig liegst.
Soweit ich mich erinnere, hat Raddatz viele rationale Argumente für eine Bedrohung der abendländischen Zivilisation von innen und außen aufgelistet. Religiöse Menschen (zu denen Du Dich ja nicht zählst) könnten sich aber durch die finstere Zusammenschau (plus Kontextualisierung durch den Autor) ermuntert fühlen, die Gesamtlage in dieser Weise zu interpretieren. Das ist nicht zwingend und auch nicht nötig - man kann sich problemlos auf diese Argumente stützen und erhält eine gänzlich kulturelle, religionsfreie Sicht der Dinge, die für sich allein schon beunruhigend genug ist.
Ich gebe zu, dass mich die Verwendung von Quellen wie “Das schwarze Reich”, die dem Namen nach nicht gerade seriös wirkt, auch gestört hat. Doch ist wirklich die Mehrzahl seiner Quellen so dubios? In seinem anderen Buch “Von Allah zum Terror?” sind auch seltsame Passagen enthalten, in denen sich Raddatz in Zahlenspielereien ergeht; sie werfen zwar ein etwas seltsames Licht auf den Autor, doch wer behauptet, er beschädige dadurch auch die Glaubwürdigkeit seiner übrigen Argumente, dem muss ich unterstellen, dass er nur allzu gerne glauben möchte, hier schreibe ein Spinner, von dem man gar nichts ernst nehmen könne.
Zwei von Dir geäußerte Dinge muss ich richtigstellen:
1. Dass “die Medien gleichgeschaltet seien”, weist Du als unseriöse Verschwörungstheorie zurück. Dazu hier im Wortlaut die EU-Kommissarin Ferrero-Waldner auf einer Konferenz ausgewählter Medienvertreter der EU- und Euromed-Staaten, 22. Mai 2006: ‘Die Redefreiheit ist zentral für Europas Werte und Traditionen. Jedoch, ihre Aufrechterhaltung hängt von dem verantwortlichen Benehmen von Einzelpersonen ab. Weiterhin glauben wir nicht, dass die Medien von außen gelenkt werden sollen sondern vielmehr, dass Sie selbst Wege finden, um sich selbst zu zensieren. Was die Selbstzensur anbelangt, möchte ich Sie auch bitten das Bedürfnis der Überwachung innerhalb Ihrer eigenen professionellen Reihen zu bedenken.’
Deutlicher kann man die Medien wohl kaum an die kurze Leine nehmen, damit sie nur nicht die Wahrheit an Stellen aufdecken, wo offiziell keine ist.
Wenn dies kein Versuch der Pressezensur ist, was ist es dann?
2. Du behauptest, Raddatz würde den Rechtsradikalismus exkulpieren, weil ja “Rechtsradikalismus” nur noch eine Keule gegen diejenigen ist, die “das System” kritisieren. Natürlich ist der gewalttätige Rechtsradikalismus auch eine schlimme Tatsache, was den Vorwurf an seriöse und durchaus demokratisch gesinnte Kritiker, die behaupten, mit der derzeitigen Politik stimme grundsätzlich etwas nicht, sie seien Rechtsradikale, umso perfider macht. Wenn aber das Messerattentat eines 22-jährigen gebürtigen Afghanen, der nun zufällig (welch ein Glück für die Presse!) einen deutschen Pass hat, auf einen Rabbiner in Frankfurt ebenso als “rechtsradikale Gewalt” in der Statistik auftaucht wie die angeblich rechtsradikal motivierte “Hetzjagd” auf Inder in Mügeln (die sich nach derzeitigem Kenntnisstand aus einer Jahrmarktstreitigkeit entwickelt hat, was aber weder den Antifa-Mob von aggressiven Kollektivschuldzuweisungen noch die vereinte Presse von der wochenlangen Vorverurteilung eines ganzen Dorfes abgehalten hat), dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass der wirkliche Rechtsextremismus eine weit kleinere Gefahr ist, als unter Verweis auf solche Statistiken immer behauptet wird. Das weit größere Gewaltpotential aggressiver junger Muslime wird dagegen aus politisch korrekten Gründen aus der Berichterstattung konsequent herausgehalten; siehe Punkt 1. Hier ist etwas sehr schief, und die Frage, was durch diesen umerzieherischen und unehrlichen Umgang mit den Tatsachen erreicht werden soll, ist berechtigt.
Du schreibst, dass aufgrund wissenschaftstheoretischer Erwägungen keiner Verschwörungstheorie jemals Daseinsberechtigung zukommen könne. Die Begründung ist sinngemäß “Da könnte ja jeder kommen”. Erwiesen ist aber genausogut, dass hin und wieder, wenn nicht gar regelmäßig, Kungeleien, Absprachen, Deals und so weiter im Umfeld der Mächtigen und Wohlhabenden stattfinden. Manchmal kommt es heraus, dann kann man es nicht mehr leugnen. Solange aber die Wissenschaftstheorie sicherstellt, dass solche “Verschwörungen” gar nicht erst erwähnt werden dürfen, solange die Beteiligten alles gut unter dem Deckel halten (oder die Presse stillhält), solange kann doch - um es mit Deinen eigenen Worten auszudrücken - ein Mächtiger gar nicht anders, als seine Macht in dieser Weise zu missbrauchen. Es gibt verschiedene Grade von Plausibilität, mit denen man auch an Verschwörungstheorien herangehen kann: Dafür, dass JFK von einem Killerkommando statt von einem verwirrten Einzeltäter erschossen wurde, gibt es stichhaltigere Belege (Zapruder-Film, Revision des Berichts der Warren-Kommission) als für die wirren Hypothesen, nach denen CIA und Mossad Flugzeuge ferngesteuert ins WTC hätten fliegen lassen. Und genaugenommen ist die Eurabien-”Verschwörungstheorie” gar keine, denn sämtliche Dokumente, die das Vorgehen der verantwortlichen (lieber sage ich: verantwortungslosen) Politiker belegen, sind veröffentlicht worden, wurden nur niemals einer größeren Öffentlichkeit bekannt.
Wenn Du weiterhin den Traum von der freien, toleranten (dazu später mehr), offenen und demokratischen Gesellschaft träumen willst, meinetwegen. Ich bin aber beunruhigt. Ich nehme Dinge wahr, in immer schnellerer Kadenz, die sich zu der Befürchtung verdichten, dass seitens der EU eine Immigrations- und Kolonisierungspolitik gemacht wird, die den Interessen der europäischen Völker unverkennbar schadet. Es wird behauptet, es wären bei der “Integration” Fehler gemacht worden. Was aber, wenn genau diese Entwicklung beabsichtigt war? Wenn es einen verborgen gebliebenen Plan gab, gemäß dem bei der Immigration eben keine Fehler gemacht wurden?
Schau Dir mal die Barcelona-Deklaration von 1995 an:
http://ec.europa.eu/external_relations/euromed/bd.htm
Hierauf könntest Du doch mal Deine Fähigkeiten zur Ideologiekritik anwenden. Und dann entscheiden, welche Ideologie - diejenige, die dem EUROMED zugrunde liegt oder diejenige des Herrn Raddatz - aktuell für Europa gefährlicher ist. Wohlgemerkt, Raddatz ist ein Einzelner, den zudem die Wenigsten - ich auch nicht - als totalitären Apokalyptiker erkannt haben, während hinter der Barcelona-Deklaration sämtliche Staatsführungen Europas stehen.
21. September 2007 at 14:37
Sorry, Dein Kommentar ist in meinem Spamfilter gelandet, ich habe ihn jetzt freigegeben. Antwort heute oder morgen, da ich jetzt keine Zeit habe.
22. September 2007 at 1:48
“Ich habe das Buch nämlich auch gelesen, und da stand nichts vom “Antichristen, der über die Welt herrscht”. Dass Raddatz so etwas glaubt, hast Du behauptet.” - Ich habe wörtlich geschrieben:
“Raddatz sagt das alles nicht ausdrücklich - wahrscheinlich ist er sich bewusst, dass er damit bei einem europäischen Publikum allenfalls Hohngelächter ernten würde…”
Dass Raddatz’ Thesen ihrer Struktur nach apokalyptisch sind, habe ich wohl hinreichend nachgewiesen. Rein theoretisch wäre es natürlich möglich, dass er bloß unbewusst und unabsichtlich auf christlich-apokalyptische Denkfiguren zurückgreift - vielleicht nach Art der Ultralinken, bei denen der Antichrist “Kapitalismus” und das göttliche Strafgericht “Weltrevolution” heißt, die aber natürlich weit von sich weisen würden, bloß säkularisiertes christliches Gedankengut zu verbreiten.
Nur, mal ehrlich: Wie wahrscheinlich ist denn das, dass ein bibelfester und glaubensbewusster Fundamentalist sozusagen bloß zufällig und unabsichtlich apokalyptische Denkfiguren verwendet, ohne sich bewusst zu sein, wo er sie herhat? Ich glaube, diese Möglichkeit kann man guten Gewissens vernachlässigen
Du irrst Dich, wenn Du mich unter die nichtreligiösen Menschen rechnest. Was ich Raddatz vorwerfe, ist nicht, dass er z.B. an die Erlösung durch Christus glaubt - an die glaube ich selber auch -, sondern dass er diesen persönlichen Glauben meint gesellschaftlich verbindlich machen zu müssen und allen Andersgläubigen die Erkenntnisfähigkeit abspricht. Er verwechselt Glauben mit Wissenschaft, Religion mit Politik und Theologie mit Soziologie. Er respektiert nicht die Eigengesetzlichkeit unterschiedlicher Lebensbereiche, sondern will sie unter das Joch religiöser Dogmen zwingen, ungefähr wie ein iranischer Ayatollah, und so, wie die klassischen Totalitarismen der Gesellschaft spezifisch politische Vorgaben aufzwingen.
“Deine Rezension verwendet viel Text darauf, aus Raddatz’ tatsächlich geschriebenen Argumentationsfiguren die (möglicherweise) dahinterstehenden, aber nicht geschriebenen Grundaxiome (”Dogmen”) herzuleiten.” - Das ist korrekt. Mir geht es darum, die STRUKTUR seiner Argumentation herauszuarbeiten. Dass viele seiner Behauptungen für sich genommen wahr oder zumindest diskutabel sind - geschenkt. Das Problem ist der ideologische Kontext, in den er sie stellt, und die Art, wie er seine Ideologie durch paranoide Schließung unangreifbar macht. Er tut das, indem er in spezifischer und subtiler Weise die Standards rationalen Argumentierens verletzt. Und DAS herauszuarbeiten, darum ging es mir.
“…wer behauptet, er beschädige dadurch auch die Glaubwürdigkeit seiner übrigen Argumente, dem muss ich unterstellen, dass er nur allzu gerne glauben möchte, hier schreibe ein Spinner, von dem man gar nichts ernst nehmen könne” - Eben nicht. Mich ärgert gerade die Tatsache, dass er sich, und auch seine richtigen Einsichten über den Islam, durch seine in anderen Bereichen unseriöse Argumentation unzitierbar macht. Ich werde mir jedenfalls nicht die Blöße geben, mich in Diskussionen auf Raddatz zu berufen und mir dadurch eine höhnische Replik einzufangen.
Was Ferrero-Waldner sagt ist zwar skandalöser Unsinn, heißt aber im Klartext: “Wir können euch nicht gleichschalten, also seid so freundlich und schaltet euch selber gleich, weil wir Politiker sonst Ärger bekommen.” Deutlicher kann man die Ohnmacht der Politik gegenüber der Autonomie der Medien nicht zum Ausdruck bringen. Goebbels hatte solche hilflosen Appelle nicht nötig, weil er mit dem Konzentrationslager drohen konnte. Allein deshalb verbietet sich der Ausdruck “Gleichschaltung” in diesem Zusammenhang. Und ich bin da auch extrem empfindlich: Es gibt keinen perfideren Angriff auf ein demokratisches System, als es mit einem totalitären gleichzusetzen. Das ist dieselbe miese Masche, wie sie die extreme Linke jahrelang praktiziert hat, indem sie den Westen als “faschistisch” denunzierte. Wer das tut, delegitimiert die Demokratie. Und bei einem Autor, den ich ernstnehme, unterstelle ich, dass er genau weiß, was er da tut.
Woher weißt Du denn, dass das Messerattentat von einem Afghanen verübt wurde? Aus den Medien. Aus denselben Medien, die angeblich “gleichgeschaltet” sind. Das ist der springende Punkt: Ich habe sehr klar gemacht, dass die Medien nicht der Kritik entrückt sind, und ich habe auch nicht den Unsinn behauptet, dass alles wahr und vollständig sei, was in der Zeitung steht. Aber die Medien ALS GANZES zum Teil einer Manipulationsmaschinerie zu erklären, wie Raddatz das tut, heißt, sich von jedem Beweiszwang zu emanzipieren. Da kann dann wirklich jeder glauben und behaupten, was er will, ohne dass es noch irgendeinen Filter passieren müsste.
“Erwiesen ist aber genausogut, dass hin und wieder, wenn nicht gar regelmäßig, Kungeleien, Absprachen, Deals und so weiter im Umfeld der Mächtigen und Wohlhabenden stattfinden.” Das stimmt. Und woher weißt Du das? Du weißt es, weil Medien darüber berichten, weil die Justiz es verfolgt, weil die Wissenschaft es analysiert - kurz: weil spezialisierte gesellschaftliche Teilsysteme ihre Aufgabe erfüllen. Raddatz behauptet aber, dass sie genau das NICHT täten, sondern der Manipulation durch die Politik unterworfen seien. Was die von Raddatz bevorzugten Verschwörungstheorien davon unterscheidet, ist, dass sie weder den Wahrheitskriterien der Wissenschaft, noch denen der Justiz noch denen der Medien unterworfen sind, sondern einfach von der Frage “Cui bono” ausgehen - wem nützt es? Irgendwelche, und seien es noch so obskure, “Indizien” finden sich immer, und wenn der Rest der Beweiskette fehlt, liegt das eben daran, dass man es mit einer Verschwörung zu tun hat. Wenn man also der Meinung ist, die Politik der Kirche nütze den Freimaurern, dann erfindet man eine Verschwörung der Freimaurer. Wenn man glaubt, die Anschläge von New York hätten Amerika genützt, dann war es die CIA; glaubt man, Israel hätte profitiert, dann war es der Mossad. Dass DU das nicht für plausibel hältst - schön und gut. Aber wenn Du Dich erst einmal auf verschwörungstheoretisches Denken eingelassen hast, dann kann eben wirklich jeder kommen.
Ich habe die Barcelona-Deklaration gelesen. Ich finde darin eine Vereinbarung, Migrationsströme durch Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen in den Heimatländern einzugrenzen und bei der Bekämpfung der illegalen Migration zusammenzuarbeiten. Im Übrigen wird der Abbau von Zolltarifen und die Vereinheitlichung technischer Standards ins Auge gefasst und die Kooperation auf einer Reihe von Politikfeldern. Was Du daran bedrohlich findest, ist mir völlig schleierhaft. Habe ich etwas überlesen? Wenn ja, sag mir, was.
Dass die europäische Immigrationspolitik den Interessen der Völker Europas schadet - einverstanden. Nur begann diese Politik in den sechziger Jahren in der Verantwortung der Nationalstaaten und nicht der EU. Dass die Nationalstaaten wie auch die EU auf den wachsenden Problemdruck nicht angemessen und zügig genug reagieren - auch d’accord. Wenn Du daraus aber auf bösen Willen schließt, dann ist das eine mutwillige Zusatzhypothese, die man nicht nötig hat, wenn man sich klarmacht, unter welchen Bedingungen demokratische Politik stattfindet. Demokratie - jedenfalls in unserem westlichen Sinne - bedeutet systematische Dezentralisation von Macht. Zwischen Gemeinden, Ländern, Bund und EU. Zwischen Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung. Zwischen Regierung und Opposition. Zwischen Wählern und Gewählten. Zwischen Staat und Gesellschaft, und innerhalb der Gesellschaft zwischen einer Vielzahl von Akteuren, die auf die Politik Einfluss nehmen. Eine einmal implementierte Strategie zu ändern ist unter solchen Umständen eine Herkulesarbeit, weil sie die Etablierung eines weitgehenden neuen Konsenses erfordert; dies geschieht erst ab einem gewissen Leidensdruck und auch dann nur Stück für Stück; für eine 180-Grad-Kehre, egal auf welchem Politikfeld brauchst Du 20 Jahre und mehr. Das von Raddatz phantasierte allwissende strategische Zentrum gibt es nicht und kann es nicht geben.
Demokratien sind - mit einem Wort - schwerfällig (erst recht auf der EU-Ebene, wo es bisher nicht einmal Mehrheitsentscheidungen gibt). Das ist ein klassischer, durchaus seriöser Topos der Demokratiekritik, und sollte zu der Forderung nach strafferen Strukturen innerhalb des demokratischen Rahmens führen. Raddatz aber lügt das demokratische System zu etwas um, was es gerade NICHT ist, nämlich zu einer Art von Diktatur, die sich mit demokratischen Formen nur bemäntelt. Wieder treffen sich die Extreme, denn die extreme Linke behauptet nichts anderes. (Es wäre überhaupt ein interessantes Thema, das ich aber jetzt nicht vertiefen kann, wie sich Islamisten, christliche Fundamentalisten, Neonazis und Linksradikale gegenseitig die Bälle zuspielen, immer behauptend, einander spinnefeind zu sein.)
Mit der Herausforderung durch den Islam kann man fertig werden, aber nur, wenn man die eigenen demokratischen Werte konsequent und selbstbewusst verteidigt, nicht aber, wenn man linke Dummheiten mit rechten Dummheiten, islamischen mit christlichem Fundamentalismus und die Pest mit der Cholera bekämpft.
28. November 2007 at 3:36
[...] „Würde man nämlich als wissenschaftliche Aussage die These akzeptieren, es gebe etwa eine Weltve… [...]
25. Dezember 2007 at 16:48
Frohe Weihnachten
16. April 2008 at 2:39
[...] Nazis sich auf konservative Werte beriefen, um sie in ihr Gegenteil zu verkehren. Oder, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe: [...]
25. April 2008 at 2:35
[...] Nazis sich auf konservative Werte beriefen, um sie in ihr Gegenteil zu verkehren. Oder, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe: [...]